Ute Leube und Kurt L. Nübling haben PRIMAVERA 1986 gegründet, als über Nachhaltigkeit noch kaum jemand sprach. 2022 wurde das Unternehmen mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Unternehmen ausgezeichnet, 2025 ging der Sonderpreis des Internationalen DNP an PRIMAVERA und das Königreich Bhutan. Ein Gespräch über vier Jahrzehnte Bio-Anbau und eine Partnerschaft, die 1990 mit einem Brief an ein Ministerium begann.
Stand am Anfang der Wunsch, unternehmerisch nachhaltig etwas zu bewirken, oder ergab sich das aus der Arbeit?
Ute Leube: 1986 hat noch keiner über Nachhaltigkeit gesprochen. Wir waren begeistert von unserem Produkt, und es war von Anfang an klar, dass es aus Bio-Anbau kommen soll. Die Balance von Nehmen und Geben war uns wichtig. Wenn wir etwas aus der Natur nehmen, geben wir auch etwas zurück. Leute haben uns gefragt, warum macht ihr das? Angesichts der Tatsache, dass sogar an den Polen Pestizide nachweisbar sind, erschien uns das Engagement für das Vorantreiben des Bio-Anbaus noch dringlicher. Wir haben geantwortet, dass wir doch nur besser werden können. Dafür wurden wir sehr belächelt. Eine Vorreiterrolle war nie unser Anliegen. Wir wollten die beste Qualität, und für uns hieß das Bio-Anbau, auf Augenhöhe mit den Partnern. Darüber haben wir nicht nachgedacht, es war einfach klar, dass es nur so geht.

Was heißt Augenhöhe im Umgang mit den Anbaupartnern konkret?
Ute Leube: Wir springen ein, wenn es Not gibt, wir finanzieren Ernten vor, wir schaffen Arbeitsplätze in den Regionen. Über die Schaffung von Arbeitsplätzen und Unterstützung bei den Prozessen vor Ort hinaus ist uns die persönliche Begegnung mit den Produzenten eine Herzensangelegenheit. Ticken wir ähnlich? Haben wir die gleichen Werte? Wie werden diese gelebt? Daraus sind jahrzehntelange Partner- und Freundschaften geworden und wir wissen, wir können uns aufeinander verlassen. Dass es allen gut geht, die mit uns arbeiten, liegt uns am Herzen. Das ist ein Kreislauf.
Kurt L. Nübling: Es gelingt nicht immer, da wir ja in einem Wirtschaftsprozess stehen. Wir möchten gemeinsam etwas Schönes, Sinnvolles, ja Heilsames schaffen. Es ist uns wichtig, dass die Partner*innen dies erkennen und ebenso daran interessiert sind, pure Pflanzenkraft nicht nur wertzuschätzen, sondern daraus hochwertige Naturprodukte achtsam herzustellen – unter der Zielvorgabe und dem Herzenswunsch, diese pure Pflanzenkraft auch zu erhalten. Nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern im Sinne von Inspiration. Unser Weg war immer, Menschen über die Schönheit der Natur zu inspirieren und nicht über den moralischen Zeigefinger.
Wie kam 1990 der Kontakt nach Bhutan zustande?
Kurt L. Nübling: Ich war 1986 in Tibet mit dem Pferd unterwegs, habe über die Grenze geschaut – und wusste, da möchte ich gerne einmal hin. Später haben wir im Allgäu jemanden getroffen, der uns von einem Rinpoche (tibetischer Würdenträger) erzählte, der Lemongrass anbaut. Den Namen wussten wir nicht. Also hat Ute ans Landwirtschaftsministerium geschrieben, wir würden gern mit demjenigen sprechen, der Lemongrass anbaut. Ein halbes Jahr später kam die Einladung.
Ute Leube: Wir waren damals eine kleine Firma, Bhutan ist ein kleines Land, wir teilen ähnliche Werte und Denkweisen, das passte gut zusammen. Beim ersten Besuch wurde uns gesagt, wie wichtig ihnen sauberes Wasser und saubere Luft sind und dass sie das nicht durch extensiven Tourismus riskieren wollen. Es haben auch deutlich größere Firmen versucht, dort Fuß zu fassen. Bei den meisten ist es nicht gelungen.

Gab es einen Moment, in dem die Zusammenarbeit kippte?
Ute Leube: Es gab Phasen, in denen es schwer war. Wir waren immer sehr höflich und haben zum Beispiel gesagt, dieses Fass hat 20 Prozent Schlamm unten drin, wir nehmen es diesmal noch ab, aber dann nicht mehr. Dann kam wieder ein verdrecktes Fass. Bis uns ein Bhutaner sagte, ihr redet falsch mit denen. Ihr müsst klipp und klar sagen, entweder oder, und das Fass zurückschicken.
Kurt L. Nübling: Was Europa an Qualität verlangt, mussten wir gemeinsam erarbeiten. Am Anfang waren das zwei Welten. Mit Geduld und gegenseitigem Verständnis ist es uns gelungen zusammenzuwachsen.
2023 haben Sie mit Terra Himalaya ein eigenes Unternehmen in Bhutan gegründet. Was sind die Herausforderungen?
Ute Leube: Es ist sehr aufwendig. Die Infrastruktur ist überschaubar. Unsere Sammlergruppen leben auf 2.500 bis ca. 4.000 Metern, ein bis zwei Tagesmärsche entfernt, da fährt kein Auto hin. Auch die Zertifizierer müssen diesen Weg gehen. Dafür ist aber die Qualität der Öle außergewöhnlich gut. Wichtig ist uns, dass sie bei der Naturbelassenheit bleiben. Wir brauchen die Bio-Qualität. Die Regierung hat uns gebeten, die Bauern davon zu überzeugen, die traditionelle, ökologische Landwirtschaft weiter zu praktizieren. Also haben wir dort eine eigene Destille nach internationalem Standard zu Zwecken der Qualitätssicherung aufgebaut. Das Landwirtschaftsministerium und das Forest Department sind froh über den Know-how-Transfer.
2022 wurde PRIMAVERA mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet, 2025 kam der Sonderpreis des Internationalen DNP für die Bhutan-Partnerschaft dazu. Was hat das bewirkt?
Kurt L. Nübling: Zuerst einmal sind wir happy, dass wir für unsere Bemühungen eine öffentliche Anerkennung bekommen. Da ist ein gewisser Stolz, dass wir auf dem richtigen Pfad sind. Es hat unsere eigene Kommunikation beflügelt.
Ute Leube: Der Unternehmenspreis 2022 war der erste wirklich prominente Preis. Kommunikativ wurde das vermeldet, aber es hat im Nachgang keine großen Wellen geschlagen. Beim Sonderpreis 2025 war das anders. Es war sehr viel Emotion dabei. Dieses Zugewandte, sich über 30 Jahre anzunähern, was nicht von vornherein eine Geschäftsidee war, das kam sehr gut an. Es ist nichts Konstruiertes, sondern eine authentische Herzensangelegenheit von beiden Seiten, und das kommt rüber.

89 Prozent Ihrer Produkte werden in Glasflaschen angeboten. Geht da noch mehr?
Ute Leube: Zunächst muss man sagen, dass ätherische Öle hochkonzentrierte Pflanzenwirkstoffe sind, die auch Verpackungsmaterialien verändern können. Glas hat sich hier gut bewährt und bietet den besten Schutz. Bei einem Duschbalsam wäre Glas dagegen wenig sinnvoll, da es einem in der Dusche aus der Hand gleiten kann. Und Kunststoff ist nicht zu verteufeln, er ist leichter und verursacht im Transport weniger Emissionen. Alles in Glas zu packen ist kein Ziel. Aber da, wo wir besser werden können, streben wir Verbesserungen an. Zum Beispiel enthalten die kleinen Fläschchen mit fünf und zehn Millilitern 50 Prozent Altscherben, also einen hohen Rezyklatanteil.

„Die Balance von Nehmen und Geben ist uns wichtig. Wenn wir etwas aus der Natur nehmen, geben wir auch etwas zurück.“
Wo steht das Unternehmen heute?
Kurt L. Nübling: Wir sind mittendrin in der größten Transformation unserer Geschichte. 300 Mitarbeitende, alles ist komplexer geworden, dazu kommt KI. Wir müssen deutlich mehr tun, ohne ungeduldig zu werden und ohne unsere Prinzipien zu verlieren. Diese Transformation ist auch eine innere, denn die Welt verändert sich nicht, wenn wir uns nicht selbst verändern. Im Führungskreis wenden wir verschiedene Praktiken an, u. a. machen wir systemische Aufstellungen, wir beginnen z. B. unsere Runden mit drei Minuten Stille, und wir haben ein Gesundheitsmanagement mit Atemtherapie und Yoga.
Nachhaltigkeit verliert gesellschaftlich an Aufmerksamkeit. Wie gehen Sie damit um?
Kurt L. Nübling: Wir setzen Zeichen. Viele haben gerade kein Vertrauen in die deutsche Wirtschaft und sind vorsichtig. Wir haben uns für Mut entschieden und haben mit einem neuen Logistikzentrum eines unserer größten Projekte realisiert. Und in Tirol haben wir die weltälteste Latschenölbrennerei übernommen, die wir umbauen und in der künftig auch Seminare stattfinden sollen. Einen Shop wird es dort auch geben. Wir waren und sind mutig mit dem, was wir uns zutrauen, und haben bis jetzt dabei keine schlaflosen Nächte.
Welche Rolle sehen Sie für ätherische Öle in Zukunft?
Ute Leube: Ätherische Öle wirken auf Körper, Seele und Geist. Und gerade Seele und Geist brauchen mehr und mehr Unterstützung. Heilsame Produkte auf den Markt zu bringen war uns immer wichtig. Dass wir inzwischen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen angekommen sind, finden wir wunderbar. Die Pflege kann auf Aromatherapie kaum noch verzichten.
Kurt L. Nübling: Wir sind überzeugt, dass die ätherischen Öle, also die Urkräfte der Pflanzen, gerade in diesen Zeiten der Transformation, viel bewirken können. Sie schaffen kleine Momente der Ruhe, der Entspannung, sorgen für Optimismus und verbessern die Stimmung.
Veröffentlicht im September 2026.
