econsense – Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft e. V.
Das econsense-Netzwerk verbindet 51 international tätige Unternehmen mit einem gemeinsamen Ziel: den Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und Gesellschaft aktiv zu gestalten. econsense unterstützt seine Mitglieder dabei, Nachhaltigkeit strategisch, in der betrieblichen Praxis sowie entlang der Wertschöpfungskette zu verankern. Dabei deckt das Netzwerk alle relevanten Nachhaltigkeitsthemen ab: vom Umweltschutz bis zu Menschenrechten – immer mit Fokus auf den Business Case. Im Austausch mit Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bündelt econsense Ideen und entwickeln konkrete Lösungsvorschläge. Das macht econsense zu einem gefragten Vordenker, Ratgeber und Partner in Sachen Nachhaltigkeit.
Frau Wagner, als Praktiker-Netzwerk für die nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft vereint econsense 51 Unternehmen vom Mittelstand bis zu DAX-Konzernen.
Zum 25-jährigen Bestehen haben Sie die These aufgestellt, dass Nachhaltigkeit Mut erfordert. Sind heute noch Risiken damit verbunden, nachhaltig zu handeln?
Unser Weg in ein nachhaltiges Wirtschaftssystem verlangt nach wie vor große Investitionen. Diese sind immer mit Risiko verbunden. Zudem funktioniert Nachhaltigkeit nur im Zusammenspiel von Politik, Finanzmärkten, Realwirtschaft und Endverbrauchern. Dafür benötigen wir einen verlässlichen Rahmen, der Verantwortung gerecht verteilt und Anreize schafft. Unser Rahmen funktioniert, aber er ist nicht perfekt. Wenn zum Beispiel Akteure den Dialog aufgrund eines politischen Wandels einseitig beenden, besteht die Gefahr, dass Unternehmen, die in Vorleistung gegangen sind, ihre Investitionen abschreiben müssen. Das haben wir zuletzt mehrfach erlebt.
Mitunter werden diejenigen, die mit gutem Beispiel vorangehen, sogar ausgegrenzt. Das beobachten wir beispielsweise im Zusammenhang mit dem Lieferkettengesetz, speziell bei seinen sozialen Dimensionen wie den menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten, oder auch bei Themen wie Diversity & Inclusion. Das sind tatsächlich Rückschritte. Doch Nachhaltigkeitsverantwortliche kennen dieses Auf und Ab – von der Exotenrolle, über die Anerkennung ihrer Arbeit, bis zum heutigen Backlash. Darum braucht Nachhaltigkeit auch weiterhin Mut. Aber den haben wir, deswegen blicken wir optimistisch in die Zukunft.

Wie kann es sein, dass wir noch keinen Konsens darüber haben, dass es zum nachhaltigem Handeln keine Alternative gibt?
Problematisch ist, dass sich kurzsichtiges und verschwenderisches Handeln an vielen Stellen noch lohnt. Unsere Systeme sind auf kurzfristige Ergebnisse wie Quartalsberichte und Wahlergebnisse getrimmt. Diese können externalisierte Kosten und den Wert nachhaltigen Handelns jedoch kaum abbilden. Das ist ein strukturelles Dilemma.
Wie lässt sich dieses lösen?
Entscheidend sind Führungsverantwortliche, die Nachhaltigkeit nicht als Pflicht, sondern als wirtschaftliche Überzeugung begreifen. Manche Führungskräfte nehmen eine langfristige Perspektive ein, wissend, dass sie von Ihren Entscheidungen vielleicht nie persönlich profitieren werden. Andere können das geschäftliche Potential der Transformation sehr gut nutzen – wie das Maschinenbauunternehmen, dessen Anlagen seinen Kunden helfen, den Ressourcenverbrauch und damit auch CO2 einzusparen. Bemerkenswert ist die Haltung: Der CEO versteht sich als Impact-Unternehmer. Er lebt das öffentlich und prägt damit die Unternehmenskultur.

Nachhaltigkeit funktioniert nur im Zusammenspiel von Politik, Finanzmärkten, Realwirtschaft und Endverbrauchern.
Dafür benötigen wir einen verlässlichen Rahmen, der Verantwortung gerecht verteilt und Anreize schafft.
Bislang wurden die drei Säulen, Ökologie, Soziales und Governance überwiegend gemeinsam betrachtet. Hat sich ihre Relevanz angesichts eines oft diagnostizierten weltanschaulichen Wandels verändert, und macht es gegebenenfalls Sinn, sie zu entkoppeln?
Die Grundlage für Ökologie und Soziales bildet für mich stets eine funktionierende Governance. Sie integriert die ökologischen und sozialen Belange in die Geschäftsprozesse, sie zeigt die Risiken auf und macht Abhängigkeiten und Wachstumspotentiale sichtbar. Ich sehe nicht, dass sich die Gewichtung verändert hat, oder dass sich die Themen entkoppeln lassen. Je stabiler die Governance ist, desto besser sind die sogenannten weichen Themen, die ansonsten oft unter Druck stehen, im Unternehmen abgesichert.
Welchen Einfluss haben die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen auf die Arbeit in den Unternehmen?
Von unseren Mitgliedern wissen wir, dass sie ihre Nachhaltigkeitsprogramme weiter vorantreiben. In der Kommunikation nach außen ist das Thema allerdings nach hinten gerückt. Viele müssen sich neu orientieren und ihre Ressourcen anders ausrichten. Das sorgt einerseits für Verunsicherung, doch birgt auch immense Chancen. In den geopolitisch angespannten Zeiten entstehen neue Partnerschaften und Allianzen. Im Unternehmen verankerte Nachhaltigkeit kann ein strategischer Vorteil sein. Deshalb halten wir auch an der Agenda der EU fest und arbeiten gemeinsam darauf hin, bis zum Jahr 2050 der erste klimaneutrale Kontinent zu werden.
Wurde der Nachhaltigkeitsdiskurs in den vergangenen Jahren zu moralbeladen geführt, und ist so in eine Sackgasse geraten?
Die Idee der Nachhaltigkeit entwickelt sich weiter. Aus den wirtschaftlich getriebenen Wünschen nach Messbarkeit und einem global einheitlichen Spielfeld ist auf Unternehmensebene die ESG-Logik entstanden. Dabei ist die gesellschaftliche Perspektive ein Stück weit aus dem Blick geraten. Populisten haben das ausgenutzt und den Menschen jahrelang verkauft, dass Nachhaltigkeit ihnen das Geld aus der Tasche zieht. Wenn sie das Thema nur in Form von moralischen Apellen und Verbotsdebatten erreicht, entsteht Abwehrhaltung oder sogar offener Widerstand. Das haben wir in Frankreich mit der Gelbwesten-Bewegung gesehen. Um gesellschaftliche Veränderung zu bewirken, brauchen wir positive Bilder.
Wie können wir Nachhaltigkeit neu positionieren, und zum Beispiel als Teil von Daseinsvorsorge und Autonomie auf eine breitere Basis stellen?
Die Sprache ist entscheidend, sie ist oft noch zu technisch und zu exklusiv. Wir müssen von den Lebensrealitäten ausgehen und zeigen, wie Nachhaltigkeit konkret nützt: etwa mit Hitzeschutzkonzepten für Städte, bei der Sicherung der Wasserqualität und beim Schaffen von zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Kreislaufwirtschaft zum Beispiel ist ein Schlüssel, um Zugriff auf kritische Rohstoffe zu sichern und Abhängigkeit zu verringern – ein echter Resilienzfaktor. Wir sind überzeugt, dass sich Nachhaltigkeit lohnt, und dieses Narrativ wollen wir weiterhin mit Beispielen stärken.

Wo können Unternehmen ansetzen, um das wirtschaftliche Potential zu heben?
Zusammen mit unseren Mitgliedern arbeiten wir daran, Nachhaltigkeit greifbar zu machen und die berühmten Low-Hanging-Fruits zu ernten. Ein international tätiger Energieversorger hat jüngst eine digitale Plattform aufgebaut, über die wertvolle Materialien wie Stahlträger weitergegeben werden. Ein großer Automobilzulieferer hat gerade eine Lösung für das Recycling von Batterien entwickelt. Das sind klare Business Cases. Wir in Deutschland neigen dazu, nach der perfekten Lösung zu suchen. Wenn wir die Erwartungshaltung herunterschrauben und kleine Schritte machen, kommen wir häufig viel weiter.
Katarin Wagner
Katarin Wagner verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Nachhaltigkeitsbereich. Bevor sie Co-Geschäftsführerin von econsense wurde, verantwortete sie fast sechs Jahre die Nachhaltigkeitsaktivitäten des econsense-Mitglieds HSBC Deutschland. Zuvor war sie in verschiedenen Positionen in der Bank, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit Nachhaltigkeitsbezug tätig. Die studierte Nachhaltigkeitsmanagerin und Betriebswirtin bringt eine breite Expertise in ihre Arbeit in verschiedenen Gremien ein.
Katarin Wagner ist Deputy-Chair bei CSR Europe und eines der sechs Beiratsmitglieder zum Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) beim Bundesamt für Ausfuhrkontrolle (BAFA). Darüber hinaus ist sie Mitglied des Kuratoriums der Anneliese Brost Stiftung und im Vorstand der Herman Brackmann Stiftung in Essen.
