„Die nächsten 24 Monate sind die
eigentliche Bewährungsprobe
für Unternehmen und Lieferketten.”

Im Interview mit Pierre-François Thaler, Mitgründer und Co-CEO von EcoVadis

 

 

Pierre-François Thaler, Mitgründer und Co-CEO von EcoVadis, über den Reifesprung nachhaltiger Beschaffung, die empirisch belegten Effekte vom LkSG und warum ausgerechnet Innovation, nicht Compliance, inzwischen den größten Hebel für messbaren Geschäftswert darstellt.

 

Das Sustainable Procurement Barometer 2026 zeichnet ein paradoxes Bild: Während der regulatorische Druck steigt, rechnen sich die Programme der führenden Unternehmen stärker durch Innovation als durch Compliance. Gleichzeitig zeigt die empirische Evidenz aus Frankreich und Deutschland, dass Sorgfaltspflichten messbare operative Effekte entfalten. Pierre-François Thaler ordnet ein, was das für deutsche Einkaufsorganisationen bedeutet, warum CSDDD und EUFLR keinen Rückbau zulassen, und wo KI zu einem neuen Ungleichgewicht zwischen Einkäufer*innen und Lieferanten führt.

Herr Thaler, bei den führenden zehn Prozent der Unternehmen rangiert Innovation inzwischen vor Compliance als stärkster ROI-Treiber. Überrascht Sie dieser Befund?

Überrascht nein, bestätigt ja. 80 Prozent der Leader nennen Innovation als wichtigsten Werthebel, gegenüber 54 Prozent bei den übrigen Unternehmen. Das ist eine strukturelle Differenz. Und sie entsteht nicht, weil diese Unternehmen weniger reguliert wären, sondern weil sie Regulierung anders nutzen. Compliance ist für sie der Einstiegspunkt, nicht das Ziel. Wer Lieferantenbeziehungen systematisch durchleuchtet und Daten in Einkaufsentscheidungen integriert, findet Effizienzpotenziale, Kreislauflösungen, neue Produktkonzepte. Das ist operative Wertschöpfung, die sich bilanzwirksam niederschlägt.

Das klingt nach einer Widerlegung des Narrativs, Nachhaltigkeit sei primär ein Kostentreiber.

Es ist empirisch widerlegt. Die Langzeitstudie von Durach und Wang zum Loi de Vigilance zeigt über 73 börsennotierte Unternehmen und 17 Jahre: Sorgfaltspflichten verursachen initial Kosten, aber mit zunehmender Durchdringung sinkt der Kostenanteil signifikant. Die durchschnittliche Effizienzverbesserung liegt bei rund zehn Prozent. Und die UNDP/WBA-Analyse zu 235 Unternehmen aus Hochrisikobranchen kommt zum gleichen Ergebnis: keine negativen Effekte auf Wettbewerbsfähigkeit, stattdessen bessere Kapitalrendite.

Das Barometer zeigt für Deutschland besonders hohe Compliance-Orientierung: 70 Prozent nennen regulatorische Anforderungen als Haupttreiber. Wie ordnen Sie das ein?

Das ist die logische Konsequenz des deutschen regulatorischen Umfelds mit LkSG, CSRD, CSDDD. Aber deutsche Unternehmen setzen diesen Druck zunehmend in strukturelle Reife um: 62 Prozent haben dedizierte Teams aufgebaut, 78 Prozent erfassen CO₂-Daten auf Produktebene. Spitzenwerte im europäischen Vergleich. Die eigentliche Frage ist, ob dieser Impuls in ein strategisches Betriebssystem überführt wird, oder als parallele Compliance-Schicht verharrt. Die besten Programme tun Ersteres: 68 Prozent der deutschen Unternehmen verbuchen konkrete Innovationsergebnisse, 55 Prozent echte Kosteneinsparungen. Beides liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt.

 

Die Diskussion um den EU-Omnibus und die LkSG-Berichtspflicht hat gezeigt, dass politische Rückbaudebatten nicht ausgeschlossen sind. Wie verlässlich ist das regulatorische Fundament?

Belastbarer, als die politische Rhetorik vermuten lässt. Die Sorgfaltspflichten bleiben, auch wenn Berichtspflichten modifiziert werden. Wer die materiellen Pflichten ernst nimmt, also Risikoanalyse, Präventionsmaßnahmen und Beschwerdemechanismen, braucht ohnehin die Datenbasis, die auch für Reporting nötig wäre.

Zweitens: Die EUFLR, die 2027 in Kraft tritt, schafft eine neue Logik. Produkte, die mit Zwangsarbeit hergestellt wurden, können vom EU-Markt ausgeschlossen werden. Das ist ein unmittelbares Marktzugangsrisiko. Unter dem US-amerikanischen Uyghur Forced Labor Prevention Act wurden seit 2022 über 16.000 Lieferungen im Wert von 3,7 Milliarden US-Dollar gestoppt. Die EU wird diese Logik übernehmen. Unternehmen, die ihre Due-Diligence-Systeme zurückfahren, werden operativ angreifbar.

Die empirische Forschung zeigt, dass das LkSG auch als „bargaining chip" wirkt. Verändert das Ihre Empfehlung an CPOs?

Fundamental. Lieferanten wissen, dass sie adressierbar sind. Gewerkschaften haben einen Anknüpfungspunkt. NGOs können dokumentieren. Das erzeugt präventiven Druck, unabhängig von der Durchsetzungstätigkeit des BAFA. Wer Sorgfaltspflicht als Governance-Aufgabe versteht, baut eine Kompetenz auf, die auch ökonomisch zurückzahlt: 77 Prozent der deutschen Unternehmen belegen mittlerweile einen quantifizierten finanziellen ROI ihrer nachhaltigen Beschaffung.

Wer Lieferantenbeziehungen systematisch durchleuchtet und Daten in Einkaufsentscheidungen integriert, findet Effizienzpotenziale, Kreislauflösungen, neue Produktkonzepte.

 

Die Tier-1-Transparenz liegt bei 58 Prozent, aber jenseits davon fällt die Sichtbarkeit dramatisch ab. Ist das mit regulatorischen Anforderungen vereinbar?

Deshalb werden die nächsten 24 Monate zur eigentlichen Bewährungsprobe. Die gute Nachricht: Es gibt funktionierende Ansätze: kaskadierende Bewertungen, Worker-Voice-Ansätze, risikobasierte Priorisierung und zunehmend KI-gestützte Risikokartierung. Was nicht funktionieren wird, ist Checkbox-Compliance. Genau das ist der Punkt, an dem Programme entweder reifen oder scheitern.

Das Barometer zeigt bei KI ein gemischtes Bild: 77 Prozent nutzen Predictive Analytics, aber nur 55 Prozent Supplier Risk Screening. Und deutsche CPOs prognostizieren einen Bedeutungssprung bei Datenethik und verantwortungsvoller KI. Wie bewerten Sie das?

Wo KI klar umrissene Use Cases hat, wird sie zügig implementiert. Wo sie Governance-Implikationen hat, wird vorsichtiger agiert. Das hat einen legitimen Kern, birgt aber die Gefahr der Verzögerung. Nur zehn Prozent der deutschen Unternehmen nutzen KI flächendeckend. Wer 2026 die Grundlagen nicht gelegt hat, wird 2027 in einem deutlich schwierigeren Wettbewerbsumfeld agieren.

Gleichzeitig entsteht eine Asymmetrie, die mir Sorgen macht: Die Mehrheit der Beschaffungsorganisationen setzt KI ein, ihre Lieferanten hinken hinterher. Transparenz, die einseitig aufgebaut wird, bleibt brüchig. Verantwortungsvolle KI heißt deshalb auch: Lieferanten bei der digitalen Transformation unterstützen, nicht nur Daten aus ihnen extrahieren.

Was ist Ihre konkrete Empfehlung an CPOs für die kommenden zwölf Monate?

Zwei Prioritäten. Erstens: Programmarchitektur vor Programmaktivität. Viele Organisationen arbeiten einzelne Anforderungen ab: LkSG hier, CBAM dort, CSDDD parallel. Das führt zu Fragmentierung. Die besten Programme konsolidieren: eine Datenbasis, ein Risikomodell, eine Lieferantenkommunikation.

Zweitens: Wertschöpfung explizit machen. Der ROI nachhaltiger Beschaffung ist messbar. Wer ihn nicht intern quantifiziert, bleibt in der Kostenstellen-Logik gefangen. Die führenden Programme haben Nachhaltigkeit zu einem strategischen Werthebel gemacht, der von der Geschäftsführung verteidigt wird, nicht zu einem Compliance-Posten, der verteidigt werden muss.

Wenn Sie auf das Barometer 2030 blicken könnten, welche Metrik hätte sich am deutlichsten verändert?

Die Transparenz jenseits von Tier 1. In fünf Jahren wird diese Grenze systematisch überwunden sein, durch regulatorischen Druck, KI-gestützte Datenintegration und die wachsende Bereitschaft von Lieferanten, sich in geteilten Infrastrukturen zu bewegen. Wer das heute antizipiert, gestaltet mit. Wer wartet, wird gestaltet.

 

Herr Thaler, vielen Dank für das Gespräch.

Das Sustainable Procurement Barometer 2026 wird von EcoVadis in Zusammenarbeit mit Accenture herausgegeben. Die neunte Ausgabe basiert auf den Erkenntnissen von 1.000 globalen Einkaufsorganisationen und ca. 2.000 Lieferanten. Die vollständige Studie steht unter ecovadis.com/de/insights/barometer-de zum Download bereit.

Pierre-François Thaler

Pierre-François Thaler, Mitgründer und Co-CEO von EcoVadis, verfügt über mehr als 20 Jahre an Erfahrung als Unternehmer im Bereich innovativer Beschaffung und Nachhaltigkeit.

Er leitet die Kunden-, Marketing-, Lösungs- und Impact-Abteilungen und gibt zusammen mit Frédéric unsere strategische Entwicklung und Herangehensweise an nachhaltige Wertschöpfung vor. Vor der Gründung von EcoVadis 2007 war Pierre-François einige Jahre als Director of Managed Services bei Ariba und CEO von B2Build, dem ersten B2B-Marktplatz für die europäische Baubranche, tätig. Er hat einen MSc in Elektrotechnik von der CentraleSupélec und einen MBA von INSEAD.

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht im Mai 2026.